Beim Bloc Identitaire in Orange: Hintergründe (Teil2)

Vor zwei Jahren erschien etwa das Buch „Les yeux grand-fermés“ (Die weit geschlossenen Augen) von Michèle Tribalat, einer Wissenschaftlerin des staatlichen „Nationalen Instituts für Demographie“ (INED) mit Sitz in Paris. Darin stellt Tribalat eine wachsende Tendenz der freiwilligen ethnischen Segregation der Einwanderungsgruppen fest, verbunden mit dem Aufkommen von Rassismus gegen Weiße und der Ausbreitung des Islams in den Banlieues, den sie als eine „Bedrohung“ einstuft. Eine ehrliche Diskussion dieser Dinge werde durch die „Ideologie des Antirassismus“ und den Druck der Meinungsmacher verhindert.

Andere Hochrechnungen schätzen, daß bereits jede dritte Kind, das in Frankreich geboren wird, nicht-europäischer Herkunft ist. Der angesehene Schriftsteller Renaud Camus spricht inzwischen offen von einer „Kolonialisierung“ Frankreichs und vom „grand remplacement“, vom großen Bevölkerungsaustausch, der mit einem kalten (und manchmal bereits heißen) Bürgerkrieg einhergehe. In diesen Kontext muß man auch die virtuelle „Kriegserklärung“ der Génération Identitaire stellen, die seit Wochen ihre virale Runde durch das Netz macht.

Auf der Siegesfeier François Hollandes am Place de la Bastille wurden unter anderem algerische, kamerunische und marokanische Flaggen geschwenkt, neben roten und regenbogenfarbenen. Jene, die hier ihren Willen zu ihrer eigenen nationalen Identität und ihren Unwillen zur Assimilation bekundet haben, sehen in Hollande offenbar „ihren“ Präsidenten für ihre Interessen. Tatsächlich gaben die Stimmen der moslemischen Wähler den Ausschlag für den Wahlsieg des Sozialisten.

Der Mainstream-Bericht über den Kongreß von Orange wurde auf allen Verteilerseiten mit einem Archivbild geschmückt, das Demonstranten in Paris mit einer flatternden Trikolore zeigt. Das ist seltsam, denn es waren ausreichend Pressefotografen vor Ort, wo die Trikolore trotz der bunten Häufung heraldisch schöner, regionaler Fahnen so gut wie gar nicht zu sehen war. Darin drückt sich offenbar eine polemische Positionierung gegen die Republik aus, die Auffassung, sie habe sich heute vollends in eine links besetzte „Willensnation“ verwandelt, und, in den Worten Jean Raspails, „das Vaterland verraten“.

Der bewußte Verzicht auf die Tricolore ist von der inneren Logik her nachvollziehbar, wird auf Dauer der Breitenwirkung der Bewegung aber eher im Wege stehen: denn die Symbole der Nation, die 1789 geboren wurde, werden kaum mehr aus dem Fleisch, Blut, Herz und Hirn der Mehrheit der Franzosen zu entfernen sein.

Darüberhinaus brauchen auch die schönsten Regionen ein nationales Dach, das sie in eine politische Einheit bündelt, und das ist ebenso unerläßlich wie schwierig. Charles de Gaulle soll einmal bemerkt haben, daß es unmöglich sei, ein Land zu regieren, in dem es 200 verschiedene Käsesorten gibt. Jedenfalls hat auch die Frage nach regionaler und nationaler Identität durchaus Anschlußpotenzial, wobei zu klären ist, wie sich diese Identitäten in größere Zusammenhänge fügen sollen. Die SPD-nahe Antifa-Seite Blick nach Rechts über Marion Maréchal-Le Pens Absage:

Beim Fernsehsender BFM TV erklärte sie, der Bloc sei nach ihren Kenntnissen „eine Agitprop- und Aktivisten-Partei“, also nicht eine seriöse Erscheinung wie die von ihr geführte Partei. Ferner gebe es zu wichtige ideologische Differenzen: die „Identitaires“ seien „Europäisten und Regionalisten“. Tatsächlich setzt der Bloc auf eine Art Dreiklang der zu verteidigenden „Identitäten“ – regionale, nationale und europäische –, die wie eine Art russischer Puppen ineinander greifen sollen. Aus Sicht des FN dagegen muss allein die Nation im Mittelpunkt stehen.

Der „Dreiklang“ nun scheint eine sinnvolle Idee zu sein, auch als notwendiger Schritt über die alten Nationalismen und nationalistischen Befangenheiten hinaus. Wenn ich dergleichen auf einer linken Seite referiert lese, wie immer mit spitzen Fingern und spitzen Lippen formuliert, frage ich mich immer, was die Autoren sich denn als Alternativmodell vorstellen, um Europa eine politische Ordnung zu geben.

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