Die Deutsche Frage
Der Begriff »Deutsche Frage« bezog sich ursprünglich nicht auf die Lage
nach 1945, sondern auf die Situation, die mit dem Untergang des alten
Reiches entstanden war. 1802 erschien im Druck ein Notenwechsel zwischen Frankreich und Rußland, die deutsche Frage betreffend. Das war
am Vorabend des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 und jenes
denkwürdigen Aktes, bei dem der letzte Habsburger die Kaiserkrone niederlegte und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nach tausend
Jahren zu bestehen aufhörte. Die »Deutsche Frage« – und darin liegt allerdings eine Berührung mit dem letzten Nachkrieg – entstand in dem Augenblick, als fremde Mächte, hier: Frankreich und Rußland, zu Herrn des
deutschen Schicksals geworden waren, die nationale Einheit unmöglich
schien und Hegel feststellen mußte: »Deutschland ist kein Staat mehr.«
Für die Zeitgenossen hatte diese Deutsche Frage Ähnlichkeit mit der
italienischen oder polnischen. Eigentlich handelte es sich nach einem Diktum Napoleons nur noch um »geographische Begriffe«. Deutschland, Italien und Polen waren am Beginn des 19. Jahrhunderts kaum mehr als ungefähr abgrenzbare Regionen, in sich zersplittert, teilweise unter Fremdherrschaft, ohne politischen Zusammenhang und ohne Möglichkeit der
Selbstbestimmung, Manövriermasse der Diplomatie, Auf- und Durchmarschgebiete mächtigerer Nachbarn. Aber es gab noch die Erinnerung
an Zeiten, in denen Deutschland, Italien oder Polen als Staaten bestanden hatten. Eine Erinnerung, unklar im Bewußtsein der Völker, schärfer konturiert im Bewußtsein der Führungsschichten, wo sie sich mit der
Vorstellung verknüpfen konnte, daß aus der Geschichte das Anrecht auf
neue Einheit erwachsen würde. In diesem Sinn hat Freiherr vom Stein angesichts der Niederlage Napoleons sein Bekenntnis abgelegt: »… ich habe
nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin
ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ervon Karlheinz Weißmann
I]ZbV q HZoZhh^dc(‚ÕD`idWZg’%%.,
geben. … mein Wunsch ist, daß Deutschland groß und stark werde und
seine Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Nationalität wieder erlange.
Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit.«
Die italienische, polnische und deutsche Nationalbewegung des 19.
Jahrhunderts wurden von dem Glauben an »Einheit« getrieben. Er motivierte immer neue Versuche, sich auf revolutionärem Wege oder im Bündnis der bestehenden Ordnung Freiheit und einen Staat zu verschaffen, der
alle Italiener, Polen oder Deutsche vereinigen sollte. Die »italienische«,
»polnische« oder »deutsche Frage« galt so lange als unbeantwortet, so
lange dieses Ziel nicht erreicht war. Das erklärt, warum es eine erste Welle
von Veröffentlichungen – Aufsätze, Broschüren und Bücher – zur Deutschen Frage im Vormärz gab, dann während der Revolution von 1848
und schließlich nach deren Scheitern. Dabei ging es einerseits um das Problem, wie man zum Nationalstaat gelangen wollte, weiter um dessen richtige Verfassung, vor allem aber um die Klärung der Grenzen eines neuen
deutschen Reiches. Das war deshalb so problematisch, weil man nicht nur
entscheiden mußte, ob und wenn ja, welche fremdnationalen Elemente innerhalb des eigenen Gebietes bleiben sollten (Dänen, Tschechen und Polen vor allen Dingen), sondern auch, wie mit Österreich zu verfahren war.
Bis zur Märzrevolution, die das Problem zum ersten Mal von der theoretischen auf die praktische Ebene verschob, dürfte die Mehrzahl der Deutschen für eine großdeutsche Lösung gewesen sein, und es waren machtpolitische Umstände, nicht prinzipielle Erwägungen, die dazu führten, daß
sich die Anhänger der kleindeutschen durchsetzten, was aber ein dauerndes Unbehagen angesichts der Irredenta hinterließ.
Trotzdem galt die Reichseinigung von 1871 den meisten als angemessene Antwort auf die Deutsche Frage. Die »Reichsfreunde« bildeten
eine deutliche, immer weiter wachsende Mehrheit, die »Reichsfeinde« eine
kleine, immer weiter schwindende Minderheit, die »Reichsverdrossenen«
eine wortgewaltige, aber den Gang der Dinge nicht unmittelbar beeinflussende Elite. Trotzdem glaubten viele Gegner Deutschlands im Ausland,
daß das Bismarckreich nicht von Dauer sein könnte, weil der ältere Fraktionsgeist zum Zerfall im Augenblick der Gefahr führen werde. In Paris vor
allem meinte man, die »natürliche« Ordnung Deutschlands sei die Teilung
zumindest zwischen Nord und Süd, aber im Grunde auch zwischen dem
Rheinland und den östlicher gelegenen Gebieten. Zugespitzt könnte man
sagen, daß sich die Deutsche Frage aus dieser Sicht erst seit 1871 stellte
und deren Klärung nur möglich war, wenn man Bismarcks Tat rückgängig machte, große Territorien im Westen wie im Osten vom Reichsgebiet
abtrennte und den Rest dauerhaft in Mittel- und Kleinstaaten zerschlug.
Entsprechend sahen die Kriegsziele der Entente am Beginn des Ersten
Weltkriegs aus, und entsprechend versuchte Frankreich nach der Niederlage Deutschlands die mitteleuropäische Ordnung zu gestalten.
Als das nicht vollständig durchzusetzen war, schrieb der französische Historiker Jacques Bainville 1920 in seinem Buch Les Conséquences
politiques de la paix: »Heute bedauert jeder, daß das besiegte Deutschland seine politische Einheit, das wichtigste Ergebnis der früheren militä-
rischen Siege Preußens, bewahrt hat. Selbst die französischen Unterhändler der Pariser Konferenz streiten es nicht mehr ab, daß es besser gewesen
wäre, wenn die deutsche Einheit unsern Sieg nicht überlebt hätte. … Man
bestreitet heute nicht mehr die Richtigkeit des Wortes, das Thiers 6 Wochen vor Königgrätz gesprochen hat: ›Der wichtigste Grundsatz der europäischen Politik geht dahin, daß Deutschland aus unabhängigen Staaten
zusammengesetzt sein muß, die untereinander nur durch ein einfaches fö-
deratives Band verknüpft sind.‹«
Bainville meinte, daß die französische Außenpolitik »endgültig durch
die deutsche Frage bestimmt« bleibe, und seine Mitbürger pflichteten
ihm bei. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebte das Buch Bainvilles mehr als vierzig Auflagen, und die praktische Politik Frankreichs
entsprach in vielem genau seiner Absicht, jene »Fehler« auszumerzen, die
man bei den Friedensverhandlungen gemacht hatte.
Die Besessenheit, mit der Frankreich in den zwanziger und dreißiger
Jahren auf die Deutsche Frage fixiert war, hatte ihre Gegenentsprechung
in dem Wunsch der Deutschen, das »Joch« von Versailles abzuwerfen und
die Deutsche Frage anders als 1871 vollständig zu lösen: durch die Wiederherstellung der Wehrhoheit, die Beseitigung der Reparationslasten, die
LZ^›bVccÄ9^Z9ZjihX]Z;gV\Z
Jacques Bainville:
Frankreichs Kriegsziel,
Hamburg 1940.-
Rückgewinnung der verlorenen Gebiete zumindest im Osten und den »Anschluß« Österreichs. Daß es sich dabei tatsächlich um nationale Fragen
handelte, kann man an der Unterstützung für entsprechende Zielsetzungen
bei allen Parteien – von den Kommunisten bis zu den Völkischen – erkennen und daran, daß Hitler nach 1933 die stärkste Zustimmung erfuhr, solange er sich den Anschein gab, nichts anderes zu wollen als die Mehrzahl
seiner Landsleute. Das von Joachim Fest vorgeschlagene Gedankenexperiment – wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, hätte
er als der größte deutsche Politiker gegolten, da es ihm gelungen wäre, alle
Deutschen friedlich zu einen und dem Reich eine Stellung als europäischer
Hegemon zu verschaffen – zieht daraus seine Plausibilität.
Allerdings war es eine Fehleinschätzung anzunehmen, daß es Hitler
nur um die Revision von Versailles oder die definitive Lösung der Deutschen Frage ging, und das katastrophale Scheitern seiner Politik hatte
auch damit zu tun, daß die Bedingungen für eine isolierte oder wenigstens auf die Einbeziehung des europäischen Raums beschränkte Konzeption nicht mehr möglich war. Das erklärt weiter, warum die Deutsche
Frage nach 1945 zwar als eine Art Reprise des Vergangenen erscheinen
konnte – Vollendung der Annexionen durch Frankreich, Rußland und
Polen, dauernde Aufteilung des Restgebiets –, aber stärker wurde die Situation jetzt von weltpolitischen Bedingungen diktiert; das heißt, daß die
Teilung entscheidend durch die Teilung des Planeten in zwei Blöcke und
den Verlauf der Blockgrenze auf deutschem Territorium bestimmt war.
Das hat alle Versuche, die Deutsche Frage aus eigener Kraft zu beantworten, von vornherein zum Scheitern verurteilt und die Wiedervereinigung
überhaupt erst möglich gemacht, nachdem die Blockkonfrontation beendet und die außereuropäischen Vormächte USA und Sowjetunion ihre
Zustimmung gegeben hatten.
Manche Beobachter des Prozesses fürchteten allerdings, daß dieser
Versuch, die Deutsche Frage zu lösen und dann durch die Einbindung des
kleinstdeutschen Nationalstaats in einen europäischen Bund endgültig zu
erledigen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Für diese Skepsis
sprach, daß die europäischen Nachbarn die Wiedervereinigung mit Unbehagen sahen, das sich wiederum aus einem historischen Bewußtsein speiste, das die deutsche Einheit und den deutschen Territorialbestand immer
auch und zuerst unter dem Aspekt betrachtete, was das eine wie das andere
für die eigene Stellung bedeuten mußte. Das gilt in besonderem Maß für
Polen, das um seine Beute aus dem Zweiten Weltkrieg fürchtete und diesen
Erfolg seiner »Westpolitik« keinesfalls gefährdet sehen wollte, das gilt für
Frankreich, dessen sozialistischer Präsident Mitterrand sich 1989 sofort
der Maxime erinnerte, daß die deutsche Schwäche die Bedingung der französischen Größe sei, und das gilt auch für Großbritannien, dessen konservative Premierministerin wohl auf ihre Nächte im Luftschutzbunker während der deutschen Angriffe Bezug nahm, für die aber eigentlich etwas an-
LZ^›bVccÄ9^Z9ZjihX]Z;gV\Z
Deutsche Ikone 1:
Siegfried ….
deres wichtiger war: die Angst vor der deutschen Überlegenheit, die ihrem
Land seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Stachel gewesen war.
Vielleicht erinnerte sich Margaret Thatcher auch der berühmten Rede
ihres Amtsvorgängers Benjamin Disraeli, der nach der Wiedervereinigung
von 1871 geäußert hatte, hier habe sich nicht einfach ein Staatsgründungsakt vollzogen, sondern eine »deutsche Revolution«, deren Folgen ungleich
schwerwiegender seien, als die der Französischen Revolution. Disraeli hat
nicht genau erklärt, was er damit meinte, aber es kann sich nicht allein
um die Angst vor dem preußisch-deutschen Militär- und Wirtschaftspotential gehandelt haben, das noch kaum zur Wirkung gekommen war, es
scheint eher etwas Unbestimmt-Unheimliches gewesen zu sein, was Disraeli wahrnahm und das geeignet schien, die bestehende Ordnung nicht
nur in politischer Hinsicht zu erschüttern, ein Umschlag des biedermeierlich-weltfremd-gelehrt-unpolitischen Deutschen, dessen Anomalie man
bisher herablassend betrachtet hatte, und das nun Möglichkeiten zu bieten
schien, die keine andere Nation Europas hatte.
Man erinnerte sich damals in Europa, daß das Deutsche in der Vergangenheit immer auch etwas Anderes gewesen war, eine Alternative zum
Vorherrschenden, ein Unruheherd. Das Gemeinte hat ein der Politik im
engeren Sinn ganz fernstehender, der russische Dichter Dostojewski, fast
zeitgleich mit Disraeli zum Ausdruck gebracht. 1877 erschien ein Aufsatz Dostojewskis, in dem er nicht die Deutsche Frage, sondern die »deutsche Aufgabe« behandelte: »Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige,
hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt
ein Deutschland gibt. Das ist sein Protestantentum: nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern
sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte einst
mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische
Aufgabe war, und darauf gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom
überging und auf all die Völker, die von Rom seine Idee, seine Formel
und sein Element empfingen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen
alles, was dieses Erbe ausmacht.« Und weiter: »Der charakteristischste,
wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand
schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen
Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit allen Erben der altrömischen Bestimmung.«
Die von Dostojewski ausgezogene Linie – von Arminius über Luther
bis Preußen – war nicht originell. Sie entsprach in vieler Hinsicht dem
deutschen Normalverständnis der eigenen Nationalgeschichte und, wenn
auch mit anderer Wertung, der Auffassung vieler gebildeter Engländer,
Franzosen oder Italiener. Immer spielte dabei das Inkommensurable der
deutschen Identität die ausschlaggebende Rolle: von der Furcht, die schon
Kimbern und Teutonen dem unbesiegbaren Rom einflößten, über den le-
LZ^›bVccÄ9^Z9ZjihX]Z;gV\Z
Bernard Willms: Die
deutsche Nation.
Theorie –Lage –Zukunft,
Köln-Lövenich 1982.
… deutsche Ikone 2:
Hagen in Etzels Halle;
Szenenaufnahmen aus
den beiden Teilen des
Nibelungen-Films von Fritz
Lang, 1924.
Fjodor M. Dostojewski:
Politische Schriften, hrsg.
von Moeller van den Bruck,
zuletzt München 1923.&%
gendären Sieg des Arminius, des liberator Germaniae, dessen Triumph
dazu führte, daß es überhaupt einen deutschen Raum außerhalb des Limeslandes gab, den Aufstieg des Franken-, dann des deutschen Reiches
zum Erben des alten Imperium, die einzige Macht, die es sogar mit dem
Papsttum aufnehmen konnte, in deren Niedergang sich dann etwas so unverhofftes wie die Reformation ereignete, Fichtes »Welttat des deutschen
Geistes«, die eben nicht nur nationale religiöse Erneuerung blieb, sondern die moderne europäische als Freiheitsgeschichte denkbar machte,
und schließlich der Aufstieg Preußens als Inbegriff eines neuen Staatstypus, der weder dem angelsächsischen noch dem französischen, noch dem
russischen Modell entsprach, eine Verbindung von Freiheit und Ordnung,
weder liberal noch despotisch.
Es handelte sich im preußischen Fall um den Versuch einer Synthese,
also die Aufhebung von These und Antithese in einem höheren Dritten,
und die Suche nach »Dritten Wegen« gehört ohne Zweifel zu den stärksten
Impulsen des deutschen Denkens im 19. Jahrhundert, von dem Nietzsche
meinte, daß es selbst dann hegelsch gewesen wäre, wenn Hegel niemals
gelebt hätte. Man könnte auch die Klassik als Bemühen danebenstellen,
die Hauptspannungen in der geistigen Physiognomie der Deutschen – Individualismus gegen Universalismus, reale gegen irreale Strebung, Anarchie gegen Ordnung – zum Ausgleich zu bringen. Vollständig gelungen ist
das aber nicht.
Die Fähigkeit anderer Völker, auf ihre Existenz-Frage eine Antwort zu
finden, hatten die Deutschen nicht: weder die Lässigkeit der Mediterranen
noch den Stil der Franzosen, noch den Pragmatismus der Briten. Sie beneiden andere oft um diese Fraglosigkeit, aber in besseren Zeiten sehen sie
im Eigenen, dem Unabschließbaren, der Bevorzugung des Werdenden gegenüber dem Sein, der Neigung zum Grundsätzlichen, der Unfähigkeit im
Taktischen, auch der mangelnden Begabung zur Maske, einen Vorzug.
Wer die Literatur, die sich mit dem Deutschen befaßt, durchmustert,
wird immer wieder diese Motive finden. Selbstverständlich spielen dabei
Stereotype eine Rolle, konventionelle Urteile, aber im Kern erscheint die
Sache doch besser getroffen als durch die Annahme von Vorurteil und »Erfindung«. Zum letzten Mal ist das bei den Diskussionen von 1989 / 90 ins
Bewußtsein getreten, als mit unerwarteter Heftigkeit nicht nur Gegner und
Befürworter einer Wiedervereinigung aufeinandertrafen, sondern auch
eine intensive Debatte darüber stattfand, wie »deutsch« denn nach Lösung
der Deutschen Frage der neue Gesamtstaat sein sollte. Es gab – vereinfacht
gesprochen – diejenigen, die eine Fortsetzung der »Bonner Republik« auf
erweitertem Territorium erhofften, und die, die auf eine »Berliner Republik« setzten. Wer sich den zweiten Begriff zu eigen machte, war sofort Verdächtigungen ausgesetzt, von der Rückkehr auf den »Sonderweg« über die
Sorge, die Westbindung werde in Zweifel gezogen, bis zu der Behauptung,
hier bereite sich ein »zweites Auschwitz« (Günter Grass) vor. Heute erregt
»Berliner Republik« keinen Anstoß mehr, aber es ist auch nichts mit der
Vorstellung, eine um die DDR ergänzte BRD werde irgendwie »preußischer
und protestantischer« (Lothar de Maizière) sein. Modernisierung und das
heißt eben »Verwestlichung«, Globalisierung, und das heißt auch Masseneinwanderung, haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer Umprägung Deutschlands geführt, die es immer weniger sinnvoll erscheinen
läßt, nach den Deutschen und ihrem Wesen zu fragen.
Allerdings sind Völker niemals nur gemacht, auch nicht nur Geistesgebilde, sondern Lebenskräfte »in Form« (Oswald Spengler). Die »Endlösung der deutschen Frage«, wie Robert Hepp apostrophierte, wäre nur
denkbar durch das physische Verschwinden der Deutschen. Davon sind
wir so weit nicht entfernt und daß wir dieses Schicksal mit den übrigen
weißen Völkern teilen, ist kein Trost, – denn um die Deutschen wäre es
besonders schade. Wenn man die Deutsche Frage nämlich nicht nur als
ein politisches Problem auffaßt, oder als eine Seltsamkeit im Geschichtsverlauf oder im Repertoire der Kollektivpsychen, dann muß man noch
einmal zurückkommen auf Dostojewski, der die Deutsche als eine »Weltfrage« bezeichnete, insofern als das Deutsch-Sein überhaupt eine prinzipielle Möglichkeit menschlicher Existenz bedeutet, nicht nur eine mehr oder
weniger beliebige Variante. Das macht die Deutsche Frage so wichtig und
so heikel und ihre Beantwortung letztlich unmöglich. Eine Auffassung,
die sonst nur im Hinblick auf ein anderes Volk vertreten wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: